Auf den Spuren des antimuslimischen Rassismus

Eine Person hält ein iPad, auf dem ein Instagram-Post von „Zeit Online“ zu sehen ist. Der Text auf dem Bildschirm lautet „Studie zu antimuslimischem Rassismus – Jeder zweite Muslim erlebt Diskriminierung“. Im Hintergrund ist das Bild von zwei Frauen mit Kopftuch zu erkennen.

Beitrag der ZEIT über antimuslimischen Rassismus

Viele Nichtmuslim:innen in Deutschland erkennen Rassismus, doch antimuslimischer Rassismus wird oft nicht erkannt. Warum das so ist, liegt an unserer Perspektive: Die Richtung, aus der wir die Welt betrachten und sie uns erklären, beeinflusst unser Denken mehr, als wir ahnen.

Antimuslimischer Rassismus hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Menschen, die wegen ihrer Herkunft, Sprache, Kleidung oder ihres Namens als muslimisch wahrgenommen werden, erleben dies täglich – unabhängig davon, ob sie tatsächlich Muslim:innen sind. Laut einem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit stimmt jede zweite Person in Deutschland muslimfeindlichen Aussagen zu. Gleichzeitig lehnen die meisten Nichtmuslim:innen antimuslimischen Rassismus ab. Dieser Widerspruch zeigt, wie schwer es fällt, antimuslimisches Denken zu erkennen. Um zu verstehen, warum das so ist, habe ich mit Najim, einem arabischen Muslim, nach den Wurzeln des antimuslimischen Rassismus gesucht: Wie ist er entstanden, warum haben wir ihn verinnerlicht, und weshalb fällt es uns so schwer, ihn abzulegen?

Silhouette eines Mannes, der im Sonnenuntergang am Hamburger Hafen steht, den Blick auf das Wasser gerichtet.

Najim von hinten

Die Entstehung der antimuslimischen Erzählung

Najim beantwortet die Frage, ob deutsche Nichtmuslim:innen ein Grundwissen über den Islam haben, mit einer Gegenfrage: „Was fällt dir als Erstes ein, wenn du die Worte ‚Islam‘ oder ‚Muslim‘ hörst?“ Eine Frage, die es in sich hat. Denn unser vermeintliches Wissen über den Islam besteht aus Vorurteilen, die von antimuslimischen Narrativen geprägt sind.

Diese Erzählungen sind nicht erst in den letzten Jahren entstanden, sondern haben eine lange Geschichte. Von den Kreuzzügen über die Reconquista in Andalusien bis hin zum Kolonialismus entstand ein verzerrtes Bild des Islam, dass bis heute weitgehend unhinterfragt als Wahrheit angenommen wird: Muslim:innen wurden als „die Anderen“ dargestellt, deren Werte rückständig seien und die eine Bedrohung für die christliche Kultur darstellten. Diese Narrative – ob bewusst oder unbewusst – prägen seit Jahrhunderten unser Bild vom Islam und unsere Wahrnehmung von Muslim:innen. Sie beeinflussen auch, wie sichtbar – oder unsichtbar – die islamische Geschichte ist.

„Was fällt dir als Erstes ein, wenn du die Worte ‚Islam‘ oder ‚Muslim‘ hörst?“

Die Unsichtbarkeit der islamischen Geschichte

Najim fragte sich lange, warum die muslimische Geschichte in Deutschland kaum bekannt ist. Als habe diese Geschichte, nichts mit uns zu tun. Dabei stammen viele alltägliche Sachen aus dem Goldenen Zeitalter des Islam. „Zuerst habe ich gedacht, es wäre einfach ein fehlendes Interesse, dass viele deutsche Nichtmuslim:innen diese Geschichte nicht kennen. Aber dann habe ich verstanden, dass es mit einem antimuslimischen Geschichtsverständnis zusammenhängt.“ Die arabisch-islamischen Fortschritte in den Naturwissenschaften passten nicht in die westliche Erzählung vom „rückständigen Islam“.

So war die arabisch-islamische Medizin der westlichen um Jahrhunderte voraus. Ein Beispiel ist der „Kanon der Medizin“ (arabisch: al-Qanun) von Ibn Sina. Najim erzählt: „Dieses über 1000 Jahre alte Buch ist eines der bekanntesten Medizinbücher. Ab dem frühen 14. bis weit ins 17. Jahrhundert hinein war es ein Standardwerk der medizinischen Ausbildung – auch an den großen medizinischen Universitäten des Westens“. Doch um die westliche Erzählung nicht zu gefährden, verschleierten Übersetzer oft die Herkunft der Autoren. Najim erklärt: „Sie haben die Namen geändert, damit sie nicht mehr arabisch-muslimisch klangen.“ Aus Ibn Sina wurde Avicenna – ein Name, der griechisch klingt und damit besser in die westliche Geschichtsschreibung passt.

Arabisch müsste man können

Wer sich als deutschsprachige:r Nichtmuslim:in aus arabisch-muslimischer Perspektive über Geschichte informieren will, steht oft vor einer sprachlichen Herausforderung: Viele Bücher sind weder auf Deutsch geschrieben noch übersetzt. Najim erklärt, warum man bei deutschsprachigen Büchern und Informationsquellen vorsichtig sein sollte: „Übersetzt wird immer aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive bestimmt, wie die Übersetzer:in etwas versteht und damit auch, wie sie es übersetzt.“ Laut ihm ist die Übersetzung mancher Bücher nur deshalb schlecht, weil die westliche Denkweise der Übersetzer:in den Sinn des Textes unbewusst verfälscht hat. Es gibt aber auch bewusste Verfälschungen, wie die erste lateinische Koranübersetzung von 1144, die nicht der Verständigung diente, sondern den Islam widerlegen sollte.

Vier Bücher liegen aufeinander. Oben befinden sich die deutschen und arabischen Ausgaben des Buches „Islam zwischen Ost und West“ von Alija Izetbegovic, darunter die deutschen und arabischen Ausgaben von „Orientalismus“ von Edward W. Said.

Bücher auf deutsch und arabisch

Sprache bestimmt, welche Informationen wir erhalten und wie wir sie verstehen. Wie groß sprachbedingte Unterschiede sein können, sehen Najim und ich als wir Wikipedia-Einträge zur ältesten Universität der Welt vergleichen. Auf Arabisch liest er, dass die erste Universität eine islamische war: Die Universität „al-Qarawiyin“ in Fès in Marokko, gegründet 859 von einer Frau, Fatima al-Fihri. Es war die erste Universität, die akademische Abschlüsse verlieh und 1207 das erste Medizinzertifikat vergab. Auf Deutsch finde ich ähnliche Informationen, doch sie zeichnen die Universität in einer anderen Farbe: Die Universität wird als islamisch beschrieben, ohne das erklärt wird, was das bedeutet. Es liest sich, als wurden Naturwissenschaften erst seit dem 20. Jahrhundert gelehrt, das Medizinzertifikat bleibt unerwähnt.

Die irrtümliche Gleichsetzung von arabisch und muslimisch

Danach gefragt, wann Islamkritik aufhört und Islamfeindlichkeit beginnt, antwortet Najim: „Um kritisieren zu können, braucht man Wissen. Wenn man das nicht hat, sollte man besser still sein und sich erst einmal informieren“. Eine Antwort, die zur Anfangsfrage zurückführt. Er glaubt nicht, dass deutsche Nichtmuslim:innen ein Grundwissen über den Islam haben. Zu oft habe er falsche Aussagen gehört, etwa die Gleichsetzung von Muslim:innen mit dem Mittleren Osten. Eine Annahme, die beeinflusst, wer als muslimisch wahrgenommen wird. Najim erklärt: „Es stimmt zwar, dass die Länder des Mittleren Ostens mehrheitlich muslimisch sind. Aber es wird oft vergessen, dass in der sogenannten arabischen Welt auch viele Menschen anderen Glaubens leben – wie Christ:innen, Jüd:innen, Sabait:innen oder Yesid:innen.“ Najim weist darauf hin, dass es auch außerhalb des Mittleren Ostens mehrheitlich muslimische Länder gibt, die oft übersehen werden. So ist Indonesien in Südostasien das größte muslimische Land der Welt.

„Eine Annahme, die sich auch darauf auswirkt, wer als muslimisch gelesen wird und wer nicht.“

Während Najim spricht, hat er seine Misbaha in der Hand. Misbaha ist das arabische Wort für Gebetskette. Oft wird er von Nichtmuslim:innen kritisch angesehen, wenn er mit der Kette spielt. Viele verstehen sie fälschlicherweise als Zeichen von Muslim:innen und haben sofort das Bild eines islamischen Extremisten im Kopf. Najim erklärt, dass zwar viele Muslim:innen die Gebetskette verwenden, dass die Misbaha aber auch in der arabischen Kultur weit verbreitet ist: „Viele arabische Muslim:innen – mich eingeschlossen – haben die Misbaha nicht aus religiösen Gründen. Sie ist zum Beispiel auch oft auf Fotos von arabischen Dichtern zu sehen, die die Kette verwenden, um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu ordnen.“ Das ist auch der Grund, warum Najim die Misbaha oft in der Hand hat: weil er sich so besser konzentrieren kann.

Nahaufnahme einer Hand mit einer Misbaha, einer muslimischen Gebetskette aus gelben Perlen. Die Kette wird auf eine Art gehalten, als ob sie gerade benutzt wird.

Najim hält seine Misbaha in der Hand

Wie Journalismus unsere Wahrnehmung von Muslim:innen prägt

Die Gleichsetzung von Araber:innen und Muslim:innen zeigt sich auch in der deutschen Presse. Was wie ein harmloses Vorurteil aussieht, verstärkt antimuslimisches Denken. Die Auslandsberichterstattung über die sogenannte „islamische Welt“ konzentriert sich auf Krisen. Das prägt unsere Wahrnehmung: Wir sehen Krieg, Unterdrückung, Extremismus, aber nicht die Vielfalt. Zudem wird die „islamische Welt“ oft mit der arabischen Welt gleichgesetzt. Doch die dortigen Krisen und Konflikte entstehen nicht durch den Islam, sondern durch geopolitische Interessen – ein Aspekt, den die deutsche Presse selten erwähnt.

Auch die Berichterstattung über hier lebende Muslim:innen verstärkt antimuslimische Haltungen. Sie erscheint fast ausschließlich im Zusammenhang mit Integration, Extremismus oder – seit dem 7. Oktober 2023 – auch Antisemitismus. Besonders die Behauptung, alle Muslim:innen seien Antisemit:innen, macht Najim wütend, da es in der Geschichte oft Christ:innen waren, die Jüd:innen vertrieben oder ermordeten, und Muslim:innen, die sie schützten. Najim sagt: „Jahrhundertelang haben in muslimisch geprägten Ländern verschiedene Religionsgemeinschaften friedlich zusammen gelebt. Damit will ich nicht sagen, dass es unter Muslim:innen keine Antisemit:innen gibt. Aber es ist falsch zu behaupten, dass Antisemitismus ein islamisches Problem ist, wo er doch aus dem Westen in den Osten gekommen ist.“

Was wir von Muslim:innen lernen können

Najim wundert sich, wie viel in Deutschland über den Islam berichtet wird. In der arabischen Presse sei Religion kein Thema: „Wir leben die Religion, warum sollen wir darüber berichten?“, sagt er. Oft wisse man nicht einmal, welcher Religion jemand angehört, weil das in den zwischenmenschlichen Beziehungen keine Rolle spielt. Auf die Frage, woher diese Annäherung kommt, zeigt mir Najim die Sure 109 im Koran. Sie endet mit dem Satz: „Euch eure Religion und mir meine Religion.“ Diese Haltung täte auch vielen deutschen Nichtmuslim:innen gut, reicht aber nicht aus. Um antimuslimischen Rassismus zu erkennen und zu überwinden, müssen wir uns eingestehen, was wir nicht wissen, und die Antworten unvoreingenommen verstehen wollen. 

Eine Hand hält den Koran aufgeschlagen, auf der Seite von Sura 3, Al-‘Imran. Der arabische Text ist rechts abgebildet, während die Übersetzung der Bedeutung in die deutsche Sprache auf der linken Seite ist.

Der Koran mit Übersetzung der Bedeutung in die deutsche Sprache

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