Auf den Spuren des antimuslimischen Rassismus
Beitrag der ZEIT über antimuslimischen Rassismus
Obwohl viele Nichtmuslim:innen in Deutschland ein hohes Bewusstsein für Rassismus haben, wird antimuslimischer Rassismus oft nicht erkannt. Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir unsere Perspektive ändern; denn die Richtung, aus der wir auf die Welt blicken und sie uns erklären, beeinflusst unser Denken mehr, als wir glauben.
Antimuslimischer Rassismus hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Sprache, Kleidung oder ihres Namens als muslimisch wahrgenommen werden, erleben dies täglich – unabhängig davon, ob sie tatsächlich Muslim:innen sind. Laut einem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit stimmt jede zweite Person in Deutschland muslimfeindlichen Aussagen zu. Dennoch würden sich die meisten Nichtmuslim:innen hierzulande gegen antimuslimischen Rassismus aussprechen. Dieser Widerspruch zeigt die Komplexität des Themas: Oft erkennen wir nicht, wann wir antimuslimisch denken. Um zu verstehen, warum das so ist, habe ich mich mit Najim, einem arabischen Muslim, auf die Suche danach begeben, wie antimuslimischer Rassismus entstanden ist, warum wir ihn so tief verinnerlicht haben und warum es uns schwer fällt, ihn zu erkennen und abzulegen.
Najim von hinten
Die Entstehung der antimuslimischen Erzählung
Najim beantwortet die Frage, ob er glaubt, dass deutsche Nichtmuslim:innen ein Grundwissen über den Islam haben, mit einer Gegenfrage: „Was fällt dir als Erstes ein, wenn du die Worte ‚Islam‘ oder ‚Muslim‘ hörst?“ Eine Frage, die es in sich hat, da unser vermeintliches Wissen über den Islam aus Vorurteilen besteht, die von antimuslimischen Narrativen geprägt sind.
Dass diese Narrative eine lange Geschichte haben und nicht erst in den letzten Jahren entstanden sind, ist wenig bekannt. Beginnend mit den Kreuzzügen, der Reconquista in Andalusien bis hin zum Kolonialismus wurde ein Bild vom Islam und von Muslim:innen gezeichnet, das nicht der Wahrheit entspricht, aber bis heute weitgehend unhinterfragt als Wahrheit angenommen wird: Muslim:innen als die Anderen, deren islamische Werte rückständig sind und die eine Bedrohung für die christliche Kultur darstellen. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, prägt diese Erzählung seit Jahrhunderten unsere Vorstellung vom Islam und unsere Wahrnehmung von Muslim:innen. Sie beeinflusst auch die Sichtbarkeit oder vielmehr die Unsichtbarkeit der islamischen Geschichte.
„Was fällt dir als Erstes ein, wenn du die Worte ‚Islam‘ oder ‚Muslim‘ hörst?“
Die Unsichtbarkeit der islamischen Geschichte
Najim verstand lange nicht, warum die muslimische Geschichte hier weitgehend unbekannt ist. Als wäre es eine Geschichte, die nichts mit uns zu tun hat. Dabei haben viele alltägliche Sachen ihren Ursprung im Goldenen Zeitalter des Islam. „Erst dachte ich, es wäre einfach ein fehlendes Interesse an Geschichte, dass viele deutsche Nichtmuslim:innen diese Geschichte nicht kennen. Aber dann habe ich verstanden, dass es mit einem antimuslimischen Geschichtsverständnis zusammenhängt.“ Die bedeutenden Fortschritte in den Naturwissenschaften während des Goldenen Zeitalters des Islam passten nicht in die westliche Erzählung vom rückständigen Islam.
„Tatsache ist aber, dass beispielsweise die arabisch-islamische Medizin der westlichen um Jahrhunderte voraus war. Ein Beispiel dafür ist eines der bekanntesten Medizinbücher, der al-Qanun, der Kanon der Medizin. Dieses über 1000 Jahre alte Buch war ab dem frühen 14. bis weit ins 17. Jahrhundert hinein ein Standardwerk der medizinischen Ausbildung, auch an den großen medizinischen Universitäten des Westens“. Um die westliche Erzählung nicht zu gefährden, wurde bei der Übersetzung vieler Bücher versucht, die Herkunft des Autors zu verschleiern. Namen wurden geändert, damit sie nicht mehr arabisch-muslimisch klangen. So wurde aus Ibn Sina, dem Verfasser des Kanons der Medizin, Avicenna, ein Name, der eher griechisch als arabisch-muslimisch klingt und damit besser in die westliche Geschichtsschreibung passt.
Arabisch müsste man können
Wer sich als deutschsprachige:r Nichtmuslim:in aus arabisch-muslimischer Perspektive über Geschichte informieren möchte, steht oft vor einer sprachlichen Herausforderung. Viele Bücher sind weder auf Deutsch geschrieben noch übersetzt. Zudem muss man bei deutschsprachigen Büchern und anderen Informationsquellen vorsichtig sein: „Übersetzt wird immer aus einer bestimmten Perspektive. Diese Perspektive bestimmt, wie die Übersetzer:in etwas versteht und damit auch, wie sie es übersetzt.“ So sei die Übersetzung mancher Bücher nur deshalb schlecht, weil die westliche Denkweise der Übersetzer:in den Sinn des Textes unbewusst verfälscht habe. Es gibt aber auch bewusste Verfälschung, wie die erste Übersetzung des Korans ins Lateinische im Jahr 1144. Deren Ziel war es nicht, die Bedeutung des Korans für nicht-arabischsprachige Menschen zugänglich zu machen, sondern den Islam zu widerlegen.
Bücher auf deutsch und arabisch
Sprache beeinflusst, welche Informationen uns zugänglich sind und wie wir diese verstehen. Wie groß die sprachbedingten Unterschiede sein können, sehen Najim und ich als wir Wikipedia-Einträge zur ältesten Universität vergleichen. Auf Arabisch liest er, dass die erste Universität eine islamische Universität war: die Universität al-Qarawiyin in Fès in Marokko, gegründet 859 von einer Frau, Fatima al-Fihri. Es war die erste Einrichtung, die akademische Abschlüsse verlieh und 1207 das erste Medizinzertifikat vergab. Auf Deutsch lese ich ähnliche Informationen, die das Bild der Universität aber in einer anderen Farbe zeichnen: Es sei vor allem eine islamische Universität gewesen – was damit gemeint ist, wird nicht näher erklärt. Es liest sich, als würden Naturwissenschaften erst seit dem 20. Jahrhundert gelehrt; das Medizinzertifikat wird nicht erwähnt.
Die irrtümliche Gleichsetzung von arabisch und muslimisch
Danach gefragt, wann Islamkritik aufhört und Islamfeindlichkeit beginnt, antwortet Najim: „Um kritisieren zu können, braucht man Wissen. Wenn man das nicht hat, sollte man besser still sein und sich erst einmal informieren“. Eine Antwort, die zur Anfangsfrage zurückführt. Er glaubt nicht, dass deutsche Nichtmuslim:innen ein Grundwissen über den Islam haben; dafür habe er zu viele falsche Aussagen gehört. Ein Beispiel ist die Gleichsetzung von Muslim:innen mit dem Mittleren Osten. Eine Annahme, die beeinflusst, wer als muslimisch wahrgenommen wird. „Es stimmt zwar, dass die Länder des Mittleren Ostens mehrheitlich muslimisch sind, aber es wird oft vergessen das in der sogenannten arabischen Welt auch viele Menschen anderen Glaubens leben, wie Christ:innen, Jüd:innen, Sabait:innen oder Yesid:innen. Auch dass es außerhalb des Mittleren Ostens mehrheitlich muslimische Länder gibt, wird oft übersehen.“ So ist Indonesien in Südostasien das größte muslimische Land der Welt.
„Eine Annahme, die sich auch darauf auswirkt, wer als muslimisch gelesen wird und wer nicht.“
Während er spricht, hat Najim seine Misbaha in der Hand. Misbaha ist das arabische Wort für Gebetskette. Oft wird er von Nichtmuslim:innen kritisch angesehen, wenn er mit der Kette spielt. Viele verstehen sie fälschlicherweise als Zeichen von Muslim:innen und haben dann gleich das Bild eines islamischen Extremisten im Kopf. Dieses Missverständnis zeigt, wie oft deutsche Nichtmuslim:innen die arabische Kultur mit dem Islam gleichsetzen. „Muslim:innen verwenden zwar diese Gebetskette, aber die Misbaha ist auch in der arabischen Kultur weit verbreitet. Viele arabische Muslim:innen, mich eingeschlossen, haben die Misbaha nicht aus religiösen Gründen. Man sieht sie zum Beispiel auch oft auf Fotos von arabischen Dichtern, die die Kette verwenden, um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu ordnen.“ Das ist auch der Grund, warum Najim die Misbaha oft in der Hand hat: weil er sich so besser konzentrieren kann.
Najim hält seine Misbaha in der Hand
Wie Journalismus unsere Wahrnehmung von Muslim:innen prägt
Die Gleichsetzung von Araber:innen und Muslim:innen lässt sich auch in der deutschen Presse beobachten. Was wie ein harmloses Vorurteil aussieht, trägt entscheidend dazu bei antimuslimisches Denken zu verfestigen. Die Auslandsberichterstattung über die sogenannte islamische Welt ist vor allem Krisenberichterstattung. Was das mit unserer Wahrnehmung macht, erklärt Najim anhand eines Beispiels: „Stell dir vor, du hast eine weiße Tafel, auf der die Worte ‚Krieg‘, ‚Unterdrückung‘ und ‚islamischer Extremismus‘ stehen. Wenn ich dich frage, was du siehst, wirst du mir wahrscheinlich die Worte vorlesen. Die Tafel, auf der die Worte stehen, wirst du nicht erwähnen“. Mit islamischer Welt ist zudem meist die arabische Welt gemeint. Die dortigen Krisen und Konflikte sind aber nicht durch den Islam, sondern durch geopolitische Interessen entstanden – eine Tatsache, die in der deutschen Presse oft unerwähnt bleibt.
Auch die Berichterstattung über hier lebende Muslim:innen verstärkt antimuslimische Haltungen; berichtet wird fast ausschließlich im Zusammenhang mit Integration, Extremismus und seit dem 7. Oktober auch Antisemitismus. Vor allem die Behauptung, alle Muslim:innen seien Antisemit:innen, macht Najim wütend. In der Geschichte waren es oft Christ:innen, die Jüd:innen vertrieben oder ermordet haben, und Muslim:innen, die sie schützten. „Jahrhundertelang haben in muslimisch geprägten Ländern verschiedene Religionsgemeinschaften friedlich zusammen gelebt. Damit will ich nicht sagen, dass es unter Muslim:innen keine Antisemit:innen gibt; aber es ist falsch zu behaupten, dass Antisemitismus ein islamisches Problem ist, wo er doch aus dem Westen in den Osten gekommen ist.“
Was wir von Muslim:innen lernen können
Najim findet es befremdlich, wie viel hier über den Islam berichtet wird. Auf die Berichterstattung in der arabischen Presse angesprochen, sagt er: „Dort wird nicht über Religion berichtet. Wir leben die Religion, warum sollen wir darüber berichten?“ Oft wisse man auch nicht, welcher Religion jemand angehöre, da dies in den zwischenmenschlichen Beziehungen keine Rolle spiele. Auf die Frage, woher diese Annäherung kommt, zeigt mir Najim die Sure 109 im Koran; sie endet mit dem Satz ‚Euch eure Religion und mir meine Religion‘.
Der Koran mit Übersetzung der Bedeutung in die deutsche Sprache
Diese Annäherung täte auch deutschen Nichtmuslim:innen gut, geht aber noch nicht weit genug. Danach gefragt, wie wir antimuslimischen Rassismus überwinden können, antwortet Najim: „Ihr müsst euch eingestehen, was ihr nicht wisst, nachfragen und die Antworten unvoreingenommen verstehen wollen.“
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